Aethyrael erwachte nicht abrupt. Kein Ruck, kein Schock, kein panisches Nach-Luft-Schnappen. Das Bewusstsein kehrte zurück wie Wasser, das sich langsam in eine gew?lbte Mulde ergie?t – leise, unaufhaltsam, ohne Widerstand. W?rme umgab ihn. Nicht diffus, nicht zuf?llig. Ein pr?ziser Halt, der ihm sagte: Hier bist du. Und du bist nicht verloren. Sein erster klarer Gedanke war nüchtern.
…also so beginnt es.
Er ?ffnete die Augen nicht sofort. Die Stille war schwer, aber nicht bedrückend. Sie hatte Gewicht – als trüge sie die Erinnerung an unz?hlige Tage, die noch keine Namen besa?en. Die Runen unter seiner Haut schliefen. Oder ruhten. Kontrolliert. Absichtlich. Die Luft war kühl, metallisch, alt. Fremd – und doch nicht unangenehm. Ein Hauch von Ordnung lag darin, von Dingen, die nie für Menschen gedacht gewesen waren. Er atmete tief ein. Er spürte sie, bevor er sie sah.
Aelthyria.
Nicht als Gestalt im Raum, sondern als Resonanz. Ein Puls aus Aufmerksamkeit, aus Bewusstsein. Etwas, das ihn hielt, ohne ihn zu berühren. Ein Anker, dessen Form er nicht verstand – dem er aber vertraute. Dann bewegte sich etwas. Ein Konstrukt trat ein. Lautlos. Die Bewegungen flie?end, pr?zise, und doch fremd – wie die perfekte Nachbildung eines Menschen, der nie einer gewesen war. Hochgewachsen, elegant, mit einer Spur von etwas Puppenhaftem in der Haltung.
Die Augen waren leer. Nicht tot. Nur… fertig.
Auf der Stirn trug es ein Zeichen. Keine seiner Runen. Nichts Menschliches. Nur Notwendigkeit. Ein Kreis, der keiner war – eine Schlange, die sich selbst verzehrte. Bedeutung ohne Sprache. Ordnung ohne Erbarmen. Ohne ein Wort stellte es das Essen auf den Tisch. Kein Ger?usch, kein Z?gern. Das Holz war kunstvoll gewunden, Runen zogen sich darüber wie Sterne am Horizont. Viele. Unterschiedliche. Keine ?hnelte den seinen – und doch wirkten sie, als wollten sie etwas erz?hlen. Aethyrael sog den Geruch ein. Altes Holz. Kr?uter. Metall. Ged?mpftes Licht fiel durch halbtransparente Vorh?nge, brach sich auf den Linien der Runen. Das Konstrukt trat zurück. Die H?nde gefaltet. Der Kopf geneigt. Keine Unterwerfung. Kein Respekt. Pflicht.
?Wie ist dein Name?“ fragte er leise.
Einen Moment geschah nichts. Dann antwortete das Konstrukt. ?Kein Name.“
Die Stimme war gleichm??ig. Nicht emotionslos – eher leer von Richtung. ?Keine Befugnis zur Ansprache des Abk?mmlings der ehrbaren Sch?pferin.“
Ein kurzer übergang. Kein Z?gern. ?Konstrukt dient dem Stern.“
Seine Augen ruhten auf dem Zeichen auf der Stirn.
?Schweigen in der Dunkelheit ist Teil der Ordnung.“ Ein Atemzug. ?Konstrukt ist der Aufmerksamkeit des Sterns unwürdig.“
Aethyrael schwieg. Nicht, weil ihn die Worte beeindruckt h?tten. Sondern weil sie ihn amüsierten. Unwürdig der Aufmerksamkeit des Sterns. Sein Blick glitt über das Konstrukt, die reglose Haltung, die gefalteten H?nde – dann weiter durch den Raum, durch die Linien, die Ordnung, den stillen Atem dieses Ortes. Schweigen in der Dunkelheit, dachte er. Erstaunlich konsistent, dafür, dass die letzten Tage angeblich voller Erkl?rungen gewesen sein sollten. Ein Mundwinkel zuckte.
Eine G?ttin also. Oder zumindest das, wofür sie gehalten wurde. Stern. Ordnung. Endgültigkeit. Eine Instanz, der man diente. Die man nicht reizte. Und doch lie? sie sich reizen. Von ihm. Nicht aus Schw?che – das w?re l?cherlich. Sondern aus Interesse. Vielleicht sogar aus Gefallen. Als w?re sie selbst Teil jener Kette aus Ursache und Wirkung, die sie so unerbittlich überwachte. Muss eine sehr strenge G?ttin sein, dachte er. Wenn es um ihr Kind geht. Eine, die nicht verzeiht, sondern festlegt. Nicht straft, sondern abschlie?t. Eine G?ttin der Endgültigkeit. Der Gedanke war reizvoll und absurd.
Für ihn war sie keine G?ttin. Sie war Mutter und Sch?pferin. Richterin und Urteil. G?tter standen fern doch Aelthyria stand nahe genug, um sich provozieren zu lassen. Und genau das, erkannte Aethyrael, war ihr gr??ter Makel. Oder ihre ehrlichste Wahrheit.
Er sah wieder zum Konstrukt.
?Verstehe“, sagte er ruhig. Nicht zu ihm. Zu sich selbst.
Er lehnte sich zurück. Schweigen in der Dunkelheit. Der einzige rote Faden der letzten Tage. Ironie? Oder Kalkül? Nichts sagen. Nichts fragen. Aber nicht mit ihm. Er schloss kurz die Augen. Spürte die W?rme des Raums. Die Runen unter seiner Haut. Das feine Pulsieren von Aelthyrias Pr?senz – irgendwo über, unter, neben ihm.
Er wusste nichts. Er verstand nichts und doch bewegte sich etwas in ihm. Neugier. Streben. Der Drang, den n?chsten Atemzug Erkenntnis zu finden. Das Schweigen war keine Drohung. Es war Einladung. Er ?ffnete die Augen wieder. Die Welt erkl?rte sich nicht. Sie wartete. Ein Hauch von Belustigung glitt über seine Lippen.
?Wenn ich dich so ansehe“, sagte er leise, ?wei?t du vermutlich genauso wenig wie ich.“
Das Konstrukt schwieg. Natürlich.
Aethyrael lachte leise – überrascht, ehrlich. Und als er sich dem Essen zuwandte, verschluckte er sich prompt. Er hustete, schnaubte, fing sich wieder.
Konsequenz, dachte er amüsiert.
Solange er noch darüber lachen konnte, war alles in Ordnung. Doch diese Freude wurde nach kurzer Zeit von einer erdrückenden Langeweile überschattet. Für Aethyrael war das in diesem Moment untragbar. Und so fasste er kurzerhand den Entschluss, zur Tat zu schreiten. Das Schloss Moonshire lag vor ihm. Lauernd. Wartend. In stiller Vorfreude auf seine Erkundung. Ob man ihn jedoch ohne Schatten gew?hren lie?, blieb abzuwarten. Der Entschluss stand fest. Er erhob sich vom Bett und nahm die Tür am anderen Ende des Raumes ins Visier. Das Ziel, sich selbst zu Wissen zu verhelfen, war in greifbare N?he gerückt. Er stahl sich hindurch – und fand sich in einer riesigen Kammer wieder.
W?nde, Decken und selbst der Fu?boden waren mit Bildern bedeckt, die von Schlachten und Kriegen erz?hlten, l?ngst in Vergessenheit geraten. Ein Stück Vergangenheit, gefangen in einem Raum. Aethyrael schlenderte gedankenversunken weiter, durchquerte die Kammer und betrat den n?chsten Raum. Ein leises Klicken hinter ihm riss ihn aus seinem Tagtraum. Das Konstrukt. Er hatte ganz vergessen, dass es da war. Die ganze Zeit hatte er geglaubt, allein gewesen zu sein. Aber etwas fehlte. Die Stille.
Oder besser: etwas lie? ihn nicht allein.
Der goldene K?fig l?sst mich nicht allein, dachte er mit einem schiefen L?cheln.
Nicht sichtbar aufdringlich. Nicht nah genug, um zu st?ren. Aber immer dort, wo es sein sollte.
Oder genauer: dort, wo Aethyrael nicht allein war.
Er bemerkte es erst, als er den dritten Raum durchquert hatte. Eine Galerie aus schwarzem Stein, durchzogen von Lichtlinien, die wie gefrorene Blitze in den W?nden ruhten. Er blieb stehen. Lauschte. Ging weiter. Schritte. Keine Eile. Kein Nachhall. Zu pr?zise, um Zufall zu sein.
Er drehte sich um.
Das Konstrukt stand einige Schritte entfernt, die H?nde gefaltet, der Blick leer und aufmerksam zugleich. Kein Ausdruck. Keine Regung. Als h?tte man einen Gedanken in eine Form gegossen und vergessen, ihm Pers?nlichkeit mitzugeben.
?Du folgst mir“, stellte Aethyrael fest.
?Konstrukt begleitet“, antwortete es.
Keine Betonung. Keine Rechtfertigung.
Er seufzte leise. ?Das ist… unerquicklich.“
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Das Konstrukt schwieg. Natürlich.
Aethyrael ging weiter. Durch einen Korridor, der sich bog wie eine Frage ohne Antwort. Türen, die keine Klinken hatten. Fenster, die keinen Blick nach drau?en boten, sondern auf etwas, das sich entzog, sobald man es fokussierte. Immer das gleiche Muster: Er ging. Das Konstrukt folgte. Nicht dicht. Nicht fern. Wie ein Schatten mit Pflichtgefühl.
Nach dem fünften Abzweig blieb er abrupt stehen.
?Sag“, begann er beil?ufig, ohne sich umzudrehen,
?bist du mein W?chter, mein Diener oder nur… Dekoration?“
?Konstrukt dient dem Stern“, antwortete es.
?Natürlich“, murmelte er. ?Wer sonst.“
Er wandte sich um, musterte es. Das Zeichen auf der Stirn. Die Haltung. Die absolute Abwesenheit von Zweifel.
Dann l?chelte er. Ein kleines, harmloses L?cheln. Das gef?hrlichste seiner Art.
?Gut“, sagte er. ?Dann habe ich einen Auftrag für dich.“
Das Konstrukt hob den Kopf. Aufmerksamkeit ohne Neugier.
?Auf dem Bett“, fuhr Aethyrael fort, mit gespielter Nachl?ssigkeit,
?liegt etwas meiner Sch?pferin.“ Eine winzige Pause. ?Es ist… wichtig“, fügte er hinzu. ?Und sie braucht es… dringend.“
Das Wort dringend setzte er mit Bedacht. Das Konstrukt reagierte sofort.
?Konstrukt wird holen.“
?Ausgezeichnet“, sagte Aethyrael freundlich. ?Aber beeil dich. Wirklich. Sehr dringend.“
Das Konstrukt verneigte sich leicht – und wandte sich um. Aethyrael wartete genau drei Atemzüge. Dann rannte er los. Nicht panisch. Nicht kopflos. Er bewegte sich schnell, aber aufmerksam, sog Eindrücke auf wie ein Schwamm. Die Struktur des Schlosses war kein Chaos – sie war Absicht. überg?nge, die mehr fühlbar als sichtbar waren. R?ume, die sich nicht wiederholten, aber reimten. Er bog um eine Ecke – und lachte leise.
?Tut mir leid“, murmelte er, w?hrend er über eine niedrige Brüstung kletterte. ?Aber ich bleibe nicht im K?fig, nur weil er sch?n ist.“
Er landete auf einer tieferliegenden Ebene, stolperte fast, fing sich. Sein Herz klopfte schneller – nicht aus Angst, sondern aus Begeisterung. Das war es. Nicht Macht oder Freiheit sondern Erkundung. Eigentlich h?tte er es besser wissen müssen. Aethyrael lachte laut auf bei dem Gedanken daran. Und auch was danach folgen würde. Es gab kein zurück, hatte es nie gegeben. Er hatte kaum zwei Schritte getan, da ?nderte sich die Welt. Die Luft ver?nderte sich. Nicht wie Nebel – eher wie ein Druck, der von innen kam. Ein tiefes, permanentes Vibrieren legte sich über seine Sinne, als stünde er pl?tzlich in der N?he eines gewaltigen Herzschlags, der nicht zu einem K?rper geh?rte.
Dann kamen die Schreie.
Nicht einzeln. Nicht klar unterscheidbar. Ein Chor aus Lauten, roh, zerrissen, gebrochen. Eine Kakofonie der Grausamkeit.
Er blieb stehen.
Kampfesschreie?
Schmerzensschreie?
Er wusste es nicht. Und genau das lie? ihn nicht zurückweichen. Der Boden unter seinen Fü?en vibrierte leicht. Mit jedem Ruf, jedem Aufprall, jedem unsichtbaren Impuls, der durch die Struktur dieses Ortes lief. Die Luft roch anders als zuvor – scharf, metallisch, verbrannt. Etwas lag darin. Nicht die ruhige, geordnete Pr?senz Moonshires, sondern etwas Aktives. Gewaltsames. Und darunter … etwas Sü?es.
Ungewissheit.
Sie zog ihn an wie ein Versprechen. Dieses Gefühl kannte er. Es begleitete ihn seit jenem Moment, in dem er in die Dunkelheit seiner eigenen Augen geblickt hatte – und Sterne zurückgestarrt hatten. Seitdem war da dieses Ziehen, dieses leise Dr?ngen, das nicht befahl, sondern lockte. Er setzte sich wieder in Bewegung. Je weiter er ging, desto klarer wurden die Kl?nge. Das dumpfe Krachen von Einschl?gen. Das Zischen von Energie, die durch Luft schnitt. Befehle wurden gebrüllt – und ignoriert. Niemand flehte. Niemand floh.
Er erreichte eine offene Ebene.
Eine Halle, so weit, dass sich die Decke im Halbdunkel verlor. Der Boden war von Linien durchzogen, Runen, die nicht dekorativ waren, sondern funktional. Sie glühten auf, verblassten, reagierten. Und inmitten dieser Ordnung: Chaos.
Soldaten. W?chter. Kampfmagier. In Reihen? Nein. In Zust?nden. Einige standen noch. Andere knieten. Manche lagen am Boden, krümmten sich, hielten sich gebrochene Gliedma?en, w?hrend Blut über den Stein lief. Knochen standen in unm?glichen Winkeln. Magische Brandspuren zeichneten sich über Rüstungen und Haut. Und niemand machte Anstalten zu fliehen. Aethyrael runzelte die Stirn. Das hier war kein Training. Zumindest keines, das er verstand. Dann sah er sie.
Silvara stand erh?ht auf einer steinernen Plattform, die Arme locker verschr?nkt. Dunkle Energie sammelte sich um ihre Finger, formte sich, entlie? sich in pr?zisen, grausam kontrollierten Salven. Jeder Treffer sa?. Kein Verschleudern von Kraft. Keine Hast. Ihr L?cheln war schmal. Zufrieden. Genau das, was er erwartet hatte.
Daneben – leicht versetzt, fast spielerisch – Thalyra. Und das überraschte ihn. Ihre Angriffe waren anders. Schneller. Unberechenbarer. Flammen, die nicht verbrannten, sondern zerfetzten. Druckwellen, die K?rper durch die Luft schleuderten, sie auf den Boden krachen lie?en, nur damit sie sich unter Schmerzen wieder aufrappelten.
Sie lachte. Nicht laut. Aber ehrlich.
Aethyrael spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Nicht Angst. Eher … Irritation. Von Silvara h?tte er nichts anderes erwartet. Ihre Grausamkeit war kühl, kalkuliert, fast lehrbuchhaft. Aber Thalyra?
Das hier war kein kontrolliertes Ausbilden. Das war Prüfen. Brechen. Sehen, wer wieder aufstand.
Er trat unbewusst einen Schritt n?her. Die Kraft in der Luft war jetzt deutlich. Sie legte sich auf seine Zunge, bitter und sü? zugleich, wie Metall und Honig. Er konnte sie schmecken, f?rmlich greifen – und verstand doch nicht, was seine Sinne ihm da pr?sentierten. Aber nicht nur das. Etwas Grunds?tzlicheres. Etwas, das hier formte, nicht nur verletzte. Ein Schrei durchschnitt die Luft, abrupt abgebrochen, als ein W?chter nach einem Treffer reglos liegen blieb. Blut sickerte unter ihm hervor. Niemand rannte zu ihm. Niemand reagierte.
Silvara senkte leicht den Kopf, musterte ihn.
?Aufstehen“, sagte sie ruhig.
Der Mann rührte sich nicht. Ein Seufzen. Dann ein weiterer Zauber. Kein Z?gern.
Aethyrael schluckte.
Und fragte sich, ohne es auszusprechen: Wenn das Training ist – was ist dann Strafe?
Er wich nicht zurück. Er beobachtete. Neugierig. Wach. Still. Denn irgendwo unter all dem L?rm, den Schreien, dem Lachen der Hexen und dem dumpfen Aufschlagen von K?rpern auf Stein, spürte er es wieder: Diese Kraft.
Dieselbe, die in der Luft gelegen hatte, als er Moonshire zum ersten Mal erblickt hatte. Dieselbe, die unter seiner Haut schlummerte. Die ihn nicht anschrie, sondern einlud, n?herzukommen.
Und Aethyrael wusste, noch bevor er es sich eingestand: Das hier war kein Fehler. Das hier war eine Lektion. Eine Prüfung. Nur nicht eine, die für ihn gedacht war. Doch das hielt ihn nicht davon ab zuzusehen. Niemand erkl?rte, was hier geschah. Und doch war es offensichtlich. Diejenigen, die noch standen, taten es nicht aus St?rke. Sondern aus Trotz.
Silvara lie? den Blick über die Halle gleiten, als würde sie Vieh mustern. Ihr L?cheln war verschwunden. Zurück blieb etwas Kaltes. Abw?gendes. Endgültiges.
?Unwürdig“, sagte sie schlie?lich.
Das Wort war leise. Aber es schnitt tiefer als jeder Zauber zuvor. Ein Magier – kaum ?lter als Aethyrael selbst – zwang sich auf die Knie. Sein Arm hing schlaff an seiner Seite, die Knochen darunter offensichtlich gebrochen. Blut tropfte auf den Runenboden, wurde von ihm aufgenommen, verschwand.
?Bitte“, keuchte er. ?Ich kann noch—“
Silvara hob eine Hand.
Er verstummte.
?Nur wer sich erhebt, wenn der Tod bereits Anspruch erhebt“, sagte sie ruhig, ?ist würdig, der ehrwürdigen Sch?pferin zu dienen.“
Ihre Stimme trug mühelos durch die Halle.
?Alles andere ist Anma?ung.“
Aethyrael spürte, wie sich seine Finger unbewusst zusammenzogen.
Dienen. Nicht beschützen. Nicht bewahren. Dienen bedeutete hier: verbraucht werden.
?Die Prüfung“, fuhr Silvara fort, ?ist Gnade.“
Einige der Liegenden begannen zu schluchzen. Andere lachten hysterisch. Einer versuchte aufzustehen, brach wieder zusammen, schrie vor Schmerz – und blieb dennoch auf den Knien.
?Sieben Prüfungen“, sagte sie. ?Eine t?dlicher als die vorherige.“
Ein Schritt nach vorn.
?Wer stirbt, war nie würdig.“
Ein weiterer.
?Wer überlebt, schuldet sein Leben.“
Stille.
Dann Thalyra.
Sie trat neben Silvara, ihre Haltung entspannt, beinahe gelangweilt. Doch ihre H?nde… ihre H?nde standen in Flammen. Kein gew?hnliches Feuer. Es fra? nicht, es verzehrte. Die Luft um sie herum verzerrte sich.
?Und wer glaubt“, sagte Thalyra mit einem schiefen Grinsen, ?er k?nne dienen, ohne zu zahlen…“
Die Flammen wuchsen.
?…der irrt.“
Der erste Feuerball l?ste sich fast beil?ufig. Er traf einen der am Boden Liegenden. Kein Schrei. Nur Licht. Hitze. Asche.
Ein zweiter.
Ein dritter.
Die Halle füllte sich mit dem Geruch verbrannten Fleisches, von Magie, die Leben ausradierte, als w?re es nie da gewesen. Einige der Stehenden brachen nun panisch aus, rannten – und wurden von dunklen Geschossen aus Silvaras Hand niedergestreckt, bevor sie drei Schritte gemacht hatten.
?Zeitverschwendung“, zischte Silvara.
Um sie herum formte sich eine Aura – schwarz wie verkohlte Nacht, flackernd wie eine Flamme, die keine war. Sie sog Licht. W?rme. Hoffnung.
?Unwürdige, niedere Sterbliche“, fuhr sie fort. ?Energiequellen, weiter nichts. Schwach.“
Aethyrael trat unwillkürlich zurück. Das hier war keine Prüfung mehr. Das war Auslese.
Thalyra lachte, w?hrend sie weitere Feuerb?lle schleuderte. K?rper zerfielen. Runen überlasteten sich, flackerten, starben.
Und dann geschah es. Ein Feuersto? l?ste sich schr?g. Unsauber. Zu hastig. Aethyrael hatte keine Zeit zu denken. Nur zu reagieren. Die Rune der Gravitation unter seiner Haut erwachte – hei?, klar, zwingend. Die Luft vor ihm krümmte sich. Der Feuerblitz wurde abgelenkt, verdichtet, zurückgeschleudert wie ein geworfener Stein. Er raste zurück. Thalyra riss die Arme hoch, fing ihn ab, die Flammen um ihre H?nde explodierten. Die Wucht schleuderte sie einen halben Schritt zurück. Stein barst unter ihren Fü?en.
Stille.
Absolute, schockierte Stille. Silvaras Aura erstarrte. Thalyra hob langsam den Kopf. Zorn stand ihr ins Gesicht geschrieben. Kein spielerisches L?cheln mehr. Keine Belustigung. Nur brennende, fokussierte Wut.
?Wer“, sagte sie leise, gef?hrlich ruhig, ?wagt es?“
Aethyrael stand reglos im Schatten. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Nicht aus Angst. Aus Erkenntnis. Die restlichen überlebenden Schwertk?mpfer und Magier tauschten ?ngstliche Blicke. Die Prüfung hatte ihn bemerkt. Und Moonshire hatte gerade entschieden, dass er kein Zuschauer mehr war.

