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Kapitel 2 - Die unglaubliche Maya

  Warte mal! Woher kennt sie meinen Namen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich bis auf die Erzieher und Valentin noch mit niemandem geredet habe. Au?erdem war Valentin auf dem Weg hierher die ganze Zeit an meiner Seite. Wie h?tte er jemand anderem meinen Namen verraten k?nnen?

  ?Hey, du …“

  Bevor Charles seinen Satz beenden konnte, stand Maya auf, streckte die Arme aus und lie? sich vom Balkon fallen.

  Was zum …? Die ist über drei Meter in der Luft! Das wird sie nicht unbeschadet überstehen. Ist das M?dchen verrückt?

  Doch als sie auf dem Boden aufkam, verpuffte das M?dchen einfach in der Luft. Die Augen von Charles weiteten sich.

  W-was ist gerade passiert?

  Für einen kurzen Moment sah sich Charles im Raum um, bis pl?tzlich eine Stimme hinter ihm ert?nte: ?Suchst du mich etwa?“

  Erschrocken drehte sich Charles um und sah, wie Maya direkt am Eingang der Holzhütte stand. Sie hielt einen Stapel Karten in der Hand, den sie nun auf ihn richtete und mit einer schnellen Handbewegung auff?cherte.

  ?Für meinen ersten Trick m?chte ich, dass du eine von diesen Karten w?hlst!“

  Kartentricks? Nach dem Man?ver gerade? Das kann nicht ihr Ernst sein! Unm?glich l?sst sich das gerade eben mit einem simplen Force überbieten.

  Nachdem Charles sich eine Karte aus dem Stapel genommen hatte, musterte er sie.

  Der Herzk?nig …? Na ja, ist eigentlich egal, welche Karte ich ziehe. Als N?chstes wird sie mich die Karten mischen lassen und auf magische Weise genau meine ziehen. Ich kenne mich mit diesem Trick aus. Der Clou ist: Man kann jede beliebige Karte ziehen. Wichtig ist nur der Moment, in welchem man die Karte wieder auf den Stapel zurücklegt. Der Zauberer versteckt diese dann geschickt in der Handfl?che. Nach dem Mischen wird sie dann einfach oben auf den Stapel gelegt. Somit wird immer die Karte des Zuschauers gezogen. Tut mir leid, Maya, aber ich kenne mich etwas mit Zaubertricks aus.

  ?Hast du dir die Karte genau angesehen?“, fragte Maya und grinste dabei selbstbewusst.

  Charles steckte die Karte in den ausgef?cherten Stapel zurück und sagte: ?Ja, das habe ich.“

  Anschlie?end richtete Maya den Zeigefinger auf seinen Kopf.

  ?Diese Karte ist jetzt in deinem Kurzzeitged?chtnis abgespeichert. Dort bleibt sie für etwa drei?ig Sekunden. Durch innere Wiederholung kann diese Information jedoch ins Langzeitged?chtnis überführt werden. In der Regel passiert dies mit Erinnerungen, die für uns besonders relevant scheinen. Die wirklich wichtigen Dinge speichern wir allerdings nicht nur dort. Sie werden auch woanders aufbewahrt. Wei?t du zuf?llig wo?“

  überrascht über die Frage und etwas unsicher, was als N?chstes passieren würde, antwortete Charles: ??hm … n?.“

  Ein L?cheln erschien auf Mayas Gesicht. Sie setzte den linken Fu? nach hinten und holte auf der gleichen Seite mit ihrem Arm aus. Es schien, als wollte Maya zu einem Schlag ansetzen.

  ?Sie sind in unseren Herzen, Charles.“

  Auf einmal rammte Maya ihre Faust in die Brust von Charles. Im wahrsten Sinne des Wortes war dieser wie vom Schlag getroffen. Zuerst realisierte Charles gar nicht, was mit ihm passierte. Nachdem der initiale Schock nachgelassen hatte, blickte er voller Unglauben auf seine Brust, in welcher Maya nach etwas zu wühlen schien. Reflexartig wollte Charles sich an die Brust greifen, doch war von der Situation so überw?ltigt, dass er wie erfroren dastand. Mit Horror betrachtete er, was mit seinem K?rper geschah. Jetzt, wo Charles verstanden hatte, was mit ihm passierte, bereitete er sich auf den h?llischen Schmerz vor, der vermutlich jeden Moment einsetzen würde. Allerdings blieb dieser aus. Selbst nachdem Maya ein seltsames Objekt aus seiner Brust zerrte. Charles fasste sich auf seinen Oberk?rper, in welchem er eine riesige, klaffende Wunde vermutete. Jedoch war alles normal. Keine Verletzung. Kein Blut. Gar nichts.

  Nanu? Ich bin vollkommen unversehrt.

  Vorsichtig lie? Charles den Blick nach oben wandern und sah, wie Maya zufrieden einen roten Gegenstand in der Hand hielt. W?hrend unaufh?rlich Blut ihren Arm hinabrann, begriff Charles, was Maya da zur Schau stellte. Es war sein Herz!

  Einen Arm l?ssig in die Hüfte gestemmt, pr?sentierte die Magierin ihre blutige Troph?e.

  ?G-gib mir mein Herz wieder!“, schrie Charles entsetzt und streckte sich, um es zurückzuholen.

  Blitzschnell nahm Maya ihren Arm nach hinten, damit er keine Chance hatte, es zu erreichen.

  ?Noch nicht, mein Lieber! Tats?chlich versteckt sich hier drinnen etwas. Ein Schatz, der dir bekannt vorkommen sollte. M?chtest du sehen, was sich in deinem Herzen befindet?“

  Mit offenem Mund starrte Charles sie an. Erst nach einem Moment fand er seine Fassung wieder und wich auf eine Geste ihrer rechten Hand hin einen Schritt zurück, damit die Show weitergehen konnte.

  ?Sehen wir uns an, was dir wirklich wichtig ist.“

  Mit beiden H?nden umfasste Maya nun das Herz von Charles und drückte dieses zusammen. Im n?chsten Augenblick verschwand es wie durch Zauberhand und zurück blieb nur eine Karte. Geschickt nahm Maya diese zwischen Zeige- und Mittelfinger und hielt sie Charles entgegen.

  ?Ist das deine Karte?“

  ?Ja ist sie, aber wie hast du das mit dem Herz gema…?“

  Maya unterbrach ihn, indem sie ihren Zeigefinger mitten auf seinen Mund legte.

  ?Ach Charles, ich dachte, du wüsstest bereits, dass eine gute Magierin niemals ihre Tricks verr?t.“

  Sie zwinkerte ihm zu, wandte sich dann von ihm ab und sah zu Valentin.

  ?Kommen wir nun zum Zweiten und leider auch letzten Trick.“

  Langsam ging Maya auf Valentin zu. Statt eines L?chelns befand sich jetzt ein ernster Ausdruck auf ihrem sonst bezaubernden Gesicht. Direkt vor ihm blieb sie stehen und Charles konnte jetzt den Gr??enunterschied zwischen ihr und Valentin erkennen. Dieser blickte nur eingeschüchtert zu Maya hoch, welche fast einen ganzen Kopf gr??er war als er.

  ?Ist das die Hand, mit der du Charles in unser Geheimversteck eingeladen hast?“

  Maya deutete auf Valentins rechte Hand und sagte in einem ruhigen Ton: ?Sich zur Begrü?ung die Hand zu geben, ist ein Zeichen für Frieden und Freundschaft. Jedoch bist du nicht nur mit Charles befreundet, sondern auch mit mir und den anderen Kindern, welche diese Hütte als Geheimbasis nutzen. Sag mir also: Warum h?ltst du es für in Ordnung, uns nicht Bescheid zu sagen, ehe du fremde Kinder hierherbringst?“

  Valentin biss sich auf die Lippe und sah zur Seite. Sein K?rper begann zu zittern.

  Vermutlich sch?mt er sich. Maya hat schon recht. Ich bin noch ein Fremder hier. Die anderen zu informieren, dass jemand Neues in ihr Versteck kommt, ist definitiv angebracht.

  Im harschen Ton befahl Maya: ?Gib mir deine rechte Hand!“

  Dies lie? Valentin erschaudern und instinktiv gehorchte er. Seine Finger zuckten, w?hrend Maya seine Hand mit hochgezogener Augenbraue musterte.

  Stolen from its rightful author, this tale is not meant to be on Amazon; report any sightings.

  ?Was mag eine Hand, die zum Frieden erhoben und gleichzeitig zum Brechen von diesem benutzt wird, wohl im Innern verbergen?“

  Gespannt sah Charles auf das Spektakel, welches sich vor ihm ereignete. Aus ihrer Manteltasche holte Maya nun ein Messer heraus, das sie offenbar aus der Küche gestohlen hatte, und setzte es mit einem L?cheln auf Valentins Handfl?che. Der Schock stand Valentin deutlich ins Gesicht geschrieben.

  ?Keine Sorge! Wie du bereits wei?t, bin ich ein Profi in sowas“, sagte Maya und fing an, Valentins Hand aufzuschneiden. Vor Schmerzen verzog er sein Gesicht und drehte sich weg. Aufgrund der Ereignisse davor war Charles sich sicher, dass Valentin nicht wirklich verletzt wurde.

  Ein ?hnlicher Trick wie bei mir. Wie macht sie das blo??

  Nun holte Maya einen kleinen, blutigen Gegenstand aus der Wunde und lie? daraufhin Valentin wieder los. Sofort ballte dieser seine Hand zu einer Faust, presste sie an sein T-Shirt und legte die andere schützend darüber. Mit einem Taschentuch, welches Maya ebenfalls aus ihrem Mantel geholt hatte, s?uberte sie in der Zwischenzeit den Gegenstand. Als die Magierin fertig war, kam eine goldene Münze zum Vorschein. Voller Stolz hielt sie diese nach oben und grinste Valentin an.

  ?Anscheinend versteckt sich in deinem Inneren etwas Wundervolles. Du hast ein reines Herz, Valentin, und deshalb verzeihe ich dir.“

  Charles applaudierte.

  Keine Ahnung, wie sie das hinbekommen hat. Das sah ja sogar noch realistischer aus als der Trick mit dem Herz. Dieses M?dchen hat echt Talent.

  Zufrieden l?chelte Maya ihn an und verbeugte sich.

  ?Ich bin froh, dass dir das gefallen hat, Charlie. Dir macht es sicher nichts aus, wenn ich dich so nenne, oder?“

  Eilig lief Maya zu Charles und reichte ihm die Hand.

  ?Ich hei?e dich hiermit herzlich willkommen in unserer Gruppe. Freunde von Valentin sind auch meine Freunde. Ich bin übrigens Maya Custos.“

  Etwas z?gerlich erwiderte Charles die Begrü?ung.

  ?Sehr erfreut. Meinen Namen scheinst du ja bereits zu kennen. Dürfte ich fragen, woher?“

  ?Du hast bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie k?nnte ich dich da vergessen?“

  Den Zeigefinger ans Kinn gelegt, dachte Charles scharf nach.

  Woher kennt sie mich? Ihr Gesicht sagt mir absolut gar nichts.

  ?Soll ich deinem Ged?chtnis auf die Sprünge helfen?“, fragte Maya, welche das nachdenkliche Gesicht von Charles schmunzeln lie?.

  Sie deutete auf seinen Verband.

  ?Kommt es dir nicht komisch vor, dass die Erzieher dich so schnell gefunden haben?“

  Seine Augen weiteten sich, als es Charles bewusst wurde.

  ?Du hast mich also ge…“

  Erneut unterbrach ihn Maya: ?Ja, ich habe einen Erzieher geholt, der dich auf die Krankenstation gebracht hat. Ich will mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen, aber ich werde garantiert niemanden vor meinen Augen einfach verbluten lassen.“

  Das Gesicht von Charles wurde rot vor Scham. In dem Moment hatte er einfach nicht daran gedacht, die Klotür hinter sich zu schlie?en.

  Wer konnte auch damit rechnen, dass sich dort mitten in der Nacht jemand herumtreiben würde?

  Er griff sich mit der linken Hand an den Hinterkopf und schaute leicht nach unten.

  ?T-tut mir leid, dich da hineingezogen zu haben.“

  ?Ach, alles gut. Da die Show nun vorbei ist, sollten wir langsam zum Waisenhaus zurück. Bald beginnt das Abendessen“, sagte Maya.

  Das hatte Charles komplett vergessen. Eilig drehte er den Kopf.

  ?Valentin, wir sollten …“

  Jedoch war dieser nicht mehr zu sehen.

  Nanu, wo ist er hin? Ich bin mir sicher, ihn eben noch gesehen zu haben.

  ?Ich glaube, der ist bereits vorgegangen. Zumindest habe ich gesehen, wie er sich hinausgeschlichen hat, als wir geredet haben“, erkl?rte Maya.

  Die Augenbrauen von Charles hoben sich.

  ?Ernsthaft? Der kann mich doch nicht einfach so zurücklassen.“

  Er seufzte und machte sich bereit, Valentin nachzulaufen.

  ?Kommst du auch mit?“, wandte sich Charles an Maya.

  Das M?dchen schüttelte den Kopf.

  ?Ich würde gerne noch etwas an meiner Show feilen. Geh am besten schon mal vor und such ihn. Er ist bestimmt noch nicht weit weg. Ich habe eh noch keinen richtigen Hunger, Charlie.“

  Mit einem charmanten L?cheln zwinkerte Maya ihm erneut zu, bevor sie die Treppe zur zweiten Etage hinaufstieg.

  Sogleich lief Charles zur Tür hinaus und begab sich in den Wald, wo er nach Valentin suchte. Er brauchte nicht lange, bis ihm ein Fluss ins Auge fiel, an dessen Ufer ein Junge mit wei?en Haaren hockte. Langsam ging Charles auf diesen zu. Als der Junge seine Schritte h?rte, schreckte er auf.

  ?Wer? Oh, du bist es nur, Charles. Willst du etwa zurück zum Waisenhaus und Abendessen?“

  Charles lie? sich nicht beirren.

  ?Was machst du hier am Fluss?“

  ?A-ach, gar nichts! Ich … ich habe nur einen Fleck auf meinem T-Shirt gesehen und wollte ihn schnell abwaschen. Was ist jetzt? Gehen wir? Bleibt Maya hier?“, fragte Valentin, w?hrend er sich erhob, die Hand in die Tasche steckte und anschlie?end in Richtung der Holzhütte starrte.

  ?Sie will anscheinend noch ein bisschen üben. Oh Mann … Ihre Zaubertricks sind echt cool. Allerdings auch voll gruselig. Ich frage mich immer noch, wie sie das mit dem Herz gemacht hat.“

  ?Ja, das ist wirklich beeindruckend. Caleb meinte, dass ihre Zauberkr?fte bereits erwacht sind und definitiv eine Rolle bei diesen Tricks spielen. Im Endeffekt ist sie wirklich eine Magierin. Aber das ist jetzt erstmal unwichtig. Lass uns lieber schnell essen gehen.“

  Den rechten Ellenbogen in die linke Hand gelegt, führte Charles den Zeigefinger nachdenklich an sein Kinn.

  Stimmt! Das k?nnte einiges erkl?ren. Die Frage ist nur: Welche Affinit?t besitzt bitte so eine F?higkeit?

  Nach kurzer überlegung musste sich Charles eingestehen, dass sein Wissen in diesem Bereich noch zu unausgereift war.

  ?Komm schon, Charles, oder ich lasse dich hier zurück“, rief Valentin, der bereits ein gutes Stück vorausgegangen war.

  ?Hey, warte kurz! Ich bin ja gleich da.“

  Gerade als er gehen wollte, bemerkte Charles etwas am Flussufer im Gras. Zuerst konnte er es nicht genau erkennen, doch als er genauer hinsah, riss er seine Augen weit auf.

  Da ist Blut. Eindeutig Blut! Hat Valentin sich etwa verletzt?

  In seinem Kopf spielte sich die Zaubershow von Maya erneut ab und Charles erinnerte sich an das seltsame Verhalten von Valentin. Im Nachhinein betrachtet wirkte es für Charles doch einen Ticken zu realistisch. Auch er hatte zuerst im Schock sein Gesicht verzogen. Allerdings bemerkte er schnell, dass der erwartete Schmerz ausblieb. Bei Valentin war das komplett anders. Ehe er sich versah, kam Charles ein furchtbarer Gedanke: Sag mir nicht …! War das etwa überhaupt kein Zaubertrick? Hat sie ihm wirklich die Hand aufgeschlitzt?

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